Weidenrinde – die Mutter der Aspirin Tablette

Liebe Kräuter- und Tierfreunde,

Kopfschmerzen bekommt man bekanntlich immer dann, wenn man sie am wenigsten gebrauchen kann. Eigentlich kann man sie aber sowieso nie gebrauchen, aber zum Glück gibt es im Notfall Aspirin.

Allerdings darf man – auch wenn stets betont wird, dass der Wirkstoff Acetylsalicylsäure (ASS) auf dem Vorbild der Natur basiert, nicht vergessen, dass aus Pflanzen isolierte und synthetisch nachgebildete Wirkstoffe zum einen nicht die gleiche Wirkung haben, wie die Pflanze, welche den Wirkstoff enthält. Zum anderen werden die im Chemielabor hergestellten Pflanzenwirkstoffe zwar dem Vorbild der Natur nachempfunden, aber trotzdem weniger gut vom Körper vertragen.

Wer also Schmerzlinderung sucht, sollte sich im Zweifelsfall lieber für das Original entscheiden, denn die „Mutter des Aspirins“ ist die Weidenrinde (Salix cortex)!

Die Mutter der Aspirin Tablette

Schon im 18. Jahrhundert kannte man die Weidenrinde in der traditionellen Volksmedizin als wirksames Mittel gegen Fieber und Schmerzen aller Art.

Nun gaben sich vor allem die Gelehrten aber nicht damit zufrieden zu wissen, dass die Weidenrinde entzündungshemmend, schmerzlindernd und fiebersenkend wirkt, sondern begannen nach dem Grund der Heilwirkung der Weide zu forschen.

Im Altertum und späteren Mittelalter griff man auf die Signaturlehre zurück, deren Motto lautete: „Ubi morbus ibi remedium“ (Wo die Krankheit entsteht, ist auch das passende Heilmittel zu finden) – und weil die Weide besonders gut auf feuchten Böden und in der Nähe von Sümpfen gedeiht, schlussfolgerte man auch, dass da wo die Weide wächst, ja auch das Fieber entsteht und folglich die Weide gegen Fieber helfen kann.

Doch die Weide zeichnet noch eine weitere Eigenschaft aus: Ihre Biegsamkeit, auf der auch ihr Name basiert, denn das althochdeutsche Wort „wîda“ bedeutet so viel wie „die Biegsame“.

So wurde der Weide folglich auch die Eigenschaft zugeschrieben, dass sie gegen steife Glieder und Gelenke hilft und sie wieder so „biegsam“ macht, wie es die Äste der Weide sind.

Auch wenn man heute über die Signaturlehre lächeln mag, zeichnet sich die Rinde der Weide tatsächlich durch zwei signifikante Heilwirkungen aus: Sie hilft zu mehr Beweglichkeit, weil sie Entzündungen und Schmerzen in den Gelenken und Rückenwirbeln lindert und sie wirkt fiebersenkend.

Es dauerte aber dann doch noch bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, bis Chemiker herausfinden, dass die Wirkung der Weidenrinde vor allem durch ihren Hauptwirkstoff, dem Phenolglucosid Salicin begründet ist. Sie begannen, es zu isolieren, fanden aber auch schnell heraus, dass der mühsam aus Weidenrinden extrahierte Stoff als Heilmittel nicht besonders erfolgversprechend war, denn er führte einerseits zu starkem Brechreiz und Magenbeschwerden. Andererseits zeichnete sich bald eine Rohstoff-Knappheit ab, weil Weidenzweige seinerzeit dringend benötigt wurden, um Flechtwaren (z. B. Körbe) herzustellen.

Daraufhin wurden diverse Versuche gestartet, um einen entsprechenden Wirkstoff kostengünstig auf synthetischem Wege zu gewinnen. Schließlich gelang es, die Salicylsäure aus Kohlenstoffdioxid und Natriumphenolat herzustellen – es entstand das allererste industriell produzierte und abgepackte Medikament der Welt!

Schnell war jedoch klar, dass die synthetische Variante der Salicylsäure – im Gegensatz zur natürlichen Variante, die im Körper auf natürliche Weise aus Salicin umgesetzt wird, zu untragbaren Nebenwirkungen, wie Magenschäden und Blutungen führte.

Weniger Nebenwirkungen hatte erst die aus der Salicylsäure synthetisierte Acetylsalicylsäure (ASS). Sie entstand im Jahr 1897 in einem Labor der Firma Bayer durch die Forschung des Chemikers Felix Hoffmann, entsprach in Bezug auf die Wirkung in etwa der Weidenrinde und eroberte bald unter dem Markennamen Aspirin die Welt.

Doch wenngleich das Medikament stets als „harmlos“ gilt, ja sogar prophylaktisch gegen das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko eingenommen wird, weil es blutverdünnend und durchblutzungsfördernd gilt, steigt mit der regelmäßigen Einnahme das Risiko von Magenreizungen und inneren Blutungen um 30%!

Acetylsalicylsäure kontra Salicin – zu Risiken und Nebenwirkungen …

Wenngleich jedoch die Rinde der Weide so gut wie keine unerwünschten Nebenwirkungen zeigt, sollte jedoch auch erwähnt sein, dass es Menschen und Tiere gibt, die gegenüber Salicylaten eine Überempfindlichkeit zeigen. So selten das vorkommt, so dringend muss aber auch von der Anwendung von Weidenrinde bei Katzen abgeraten werden, denn ihnen fehlt ein Enzym (Glucuronidierungsschwäche), um Salicylsäure zu verstoffwechseln und darum lagert sich der Wirkstoff in der Leber ab und kann zu Vergiftungserscheinungen führen.

Im Zusammenhang mit der Anwendung von Weidenrinde wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass gerade bei der Einnahme von Extrakten das Risiko von Magen-Darm-Problemen besteht.

Hierzu kann jedoch auch ganz klar festgestellt werden, dass dieses Risiko nur bei Überdosierung oder bei der Verwendung von Weidenrinde in hochkonzentrierter Form besteht und im Grundsatz auch nichts mit dem Salicin zu tun hat, denn dieser Wirkstoff greift die Magen-Darmschleimhaut nicht an (was Studien der Universität Freiburg bewiesen).

Allerdings enthält die Rinde der Weide, wie viele andere Baumrinden, auch Gerbstoffe (Procyanidine) und deren adstringierende (zusammenziehende) und antimikrobielle Wirkung, mit der sie Bakterien (z. B. auf der Schleimhaut) den Nährboden entziehen, kann bei sehr hoher Dosierung zu einem Ungleichgewicht im Darm führen.

Neben dem Salicin und den Gerbstoffen, enthält die Rinde der Weide auch Derivate des Salicins wie Salicortin, Tremulacin und Populin, deren Zusammensetzung abhängig von der jeweiligen Stammpflanze variiert.

Darüber hinaus stecken in der Weidenrinde jede Menge sekundäre Pflanzenstoffe. Dazu zählen insbesondere Polyphenole, darunter Flavonoide wie Isoquercitrin, Kaempferol und Quercetin, die u. a. antioxidativ, entzündungshemmend und krebsvorbeugend wirken.

In all den wertvollen Inhaltsstoffen der Weidenrinde liegt auch ihr großes Potential, denn ihre zahlreichen Wirkstoffe beeinflussen sich gegenseitig und führen in ihrer Gesamtheit dazu, dass die Weidenrinde ein bewährtes Heilmittel ist und dass sie nur ein minimales Nebenwirkungsrisiko bietet – im Gegensatz zum ASS, bei dem nur ein Inhaltsstoff die Wirkung herbeiführt.

Die Weide – magischer Baum und Symbol für die Ewigkeit

Die Weide ist ein relativ anspruchsloser Baum, die besonders für ihre Anpassungsfähigkeit bekannt ist – egal ob in der gemäßigten Zone Mitteleuropas, in den Tropen Lateinamerikas oder im hohen Norden der Arktis: Die Anpassungsfähigkeit der Weide zeigt sich auch darin, dass sie überall auf der Welt anzutreffen ist, weil sie ich an jeden Lebensraum perfekt anzupassen weiß.

Vor allem wegen ihrer Fähigkeit, sich ständig zu erneuern, umweht sie auch der Hauch des Magischen, denn selbst aus einem abgebrochenen Ast kann eine neue Weide entstehen, wenn man ihn in die feuchte Erde steckt. So gilt sie auch als Symbol für die Ewigkeit und schlägt man nun den Bogen zurück zur Signaturlehre, wirkt die Erneuerbarkeit der Weide wie ein Versprechen, dass sie auch erneuern kann, was krank ist.

Ihre Haupteinsatzgebiete sind aber vor allem:

  • Gelenksschmerzen (Arthrose, Hufrehe)
  • Rückenschmerzen (Spondylose, Kissing Spines)
  • Fieber
  • Durchblutungsstörungen

Natürlich dürft Ihr die Weidenrinde auch selbst gegen Kopfschmerzen als Kaltauszug oder als heißen Tee anwenden. Wichtig dabei ist aber, dass nicht mehr als 2 Teelöffel auf 300 ml Wasser verwendet werden und die Ziehzeit 9 Stunden nicht überschreitet.

Eure Sabine Bröckel